Tony Birrer (1941–2026) – Fluglehrer, Berufspilot, Flugzeugmechaniker
Am 18. Mai 2026 ist Tony Birrer in Beromünster friedlich und für immer eingeschlafen. Er hinterlässt eine Karriere, wie sie die Schweizer Aviatik kaum ein zweites Mal gesehen hat – und Hunderte von Pilotinnen und Piloten, die ihm ihr Können verdanken.
Tony Birrer wuchs als Bauernsohn im Napfgebiet im luzernischen Luthern auf. Schon während der Primarschulzeit hob er bei jedem Flugzeugbrummen den Kopf und bestaunte die Morane und Messerschmitt, die von Emmen her Richtung Napfgebiet flogen. Sein Vater musste ihn regelmässig ermahnen, mehr auf die Kartoffeln zu achten als in den Himmel zu schauen. Bis er 19 war arbeitete er auf dem elterlichen Hof. Es folgte ein Sprachaufenthalt in Freiburg, und nachdem er etwas Geld gespart hatte, schloss er 1959 einen Segelflugkurs im Birrfeld ab.
1960 begann Tony Birrer eine Automechanikerlehre. Seinen Lehrlingslohn investierte er ab 1961 in Flugstunden für den Erwerb der Privatpilotenlizenz in Langenthal – immer dann, wenn er wieder ein paar Franken auf der hohen Kante hatte. Seinen ersten Soloflug absolvierte er am 15. September 1962 auf einer Piper L4. 1964 schloss er die Lehre ab und 1966 erwarb er die Privatpilotenlizenz.
Inzwischen hatte ihn das Interesse für Düsenflugzeuge gepackt. 1965 bewarb er sich bei der Direktion der Militärflugplätze Dübendorf (DMP) und erhielt eine Stelle im Wartungsbetrieb am Militärflugplatz Emmen. Zwei Jahre lang arbeitete er dort an Vampire, Venom, Hunter, Mirage und Bloodhound-Raketen. Diese Erfahrung weckte den Wunsch, Militärpilot zu werden. Da er seine Rekrutenschule bei den Transporttruppen absolviert hatte, musste er zuerst die Unteroffiziersschule abschliessen, um sich für die Pilotenausbildung anmelden zu können. Nach dem Abverdienen folgte die Ernüchterung: Mit 23 Jahren und zwei Monaten hatte er die Altersgrenze um eben diese zwei Monate überschritten. Auch der Plan, als Fallschirmgrenadier in die neu geplante Kompanie der Armee einzutreten, scheiterte – für die Versuchskompanie wurden Soldaten gesucht, keine Unteroffiziere. Immerhin erlangte er in Sitterdorf privat das Fallschirmbrevet.
Kurzentschlossen wanderte Tony Birrer 1967 nach Südafrika aus und arbeitete als Automechaniker in der Umgebung von Johannesburg. Der nahe gelegene Rand Airport ermöglichte es ihm, wann immer möglich in die Luft zu gehen. Legendär ist die Episode, als ein Autofahrer in unwegsamem Gelände Pannenhilfe anforderte und der mobile Mechaniker eine Dreiviertelstunde später per Fallschirm neben ihm landete – ein passendes Geländefahrzeug sei grad nicht verfügbar gewesen. Von Südafrika zog es ihn für ein halbes Jahr nach Edmonton in Kanada, wo er ebenfalls als Automechaniker arbeitete. 1969 ging er nach Kalifornien, wo sein Onkel in Los Angeles einen Bauernhof und eine Landschaftsgärtnerei betrieb. Dort arbeitete er tagsüber in den Betrieben seines Onkels und abends als Tankwart. Natürlich flog er auch in Übersee, wann immer es die Finanzen zuliessen.
1971 kehrte Tony Birrer als 30-Jähriger in die Schweiz zurück und lernte schon bald seine zukünftige Frau kennen. Die im Ausland gesammelten Flugstunden wollte er nun beruflich umsetzen. Bei der Alag (Alpine Lufttransport AG) absolvierte er die Ausbildung zum Berufspiloten mit Instrumentenflugberechtigung (B-IFR, heute CPL/IR). Ende 1971 hatte er die Lizenz in der Tasche. Er bewarb sich bei diversen Airlines und überbrückte die Wartezeit als Mechaniker bei Jet Aviation am Flughafen Zürich, wo er gelegentlich als Copilot auf einer King Air für Hoffmann-LaRoche fliegen konnte. Doch eine Anstellung als Linienpilot liess auf sich warten.
1972 erhielt er die Zusage als Rund- und Taxipilot am Flugplatz Ascona. Bei Rundflügen erklärte er den Passagieren stets die Grundprinzipien des Fliegens. Ein Gast meinte daraufhin, wer so gut erklären könne, müsste eigentlich Fluglehrer werden. Der Vorschlag traf Tony völlig unvorbereitet, kam aber bei seinem Chef gut an. Die Entscheidung fiel zugunsten der Fluglehrerausbildung in Bern. Sein erster Flugschüler erwarb die Privatpilotenlizenz innert nur drei Ferienwochen.
Über den Flugplatzleiter von Beromünster erhielt er wenig später das Angebot, die dortige Flugschule zu übernehmen und gleichzeitig als Flugplatzchef zu amtieren. 1973 startete er als Cheffluglehrer bei der Flubag und unterrichtete von früh bis spät in Piper L4, Super Cub und Cessna 150. Auch die Theorie- und Radiotelefoniekurse unterrichtete er selbst. Besonders stolz und glücklich war er, als in dieser Zeit seine Tochter 1973 und sein Sohn 1975 das Licht der Welt erblickten.
1978 ergab sich die Gelegenheit zur Selbstständigkeit auf dem Flugplatz Triengen, wo er innerhalb der Flugschule «Flying Ranch» eine eigene Abteilung eröffnete. Ein ehemaliger Flugschüler, der ihm den Tipp gegeben hatte, überraschte ihn mit einer fabrikneuen Cessna 172 – im festen Vertrauen, dass sie schnell abbezahlt wäre. Zehn Jahre blieb Tony in Triengen und flog bis zu 1'000 Stunden pro Jahr, bis er wegen einer Nachfolgeregelung seine Flugschule aufgeben musste. Er fand schnell eine Anstellung an der Flugschule des Euro-Airports Basel und konnte seine eigenen zwei Flugzeuge mitnehmen und an seine Kunden vermieten. Während zehn Jahre lang nahm er täglich den 200 Kilometer langen Arbeitsweg von Beromünster nach Basel unter die Räder – denn Beromünster war seit 1982 sein Zuhause. Dort lebte er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern im eigenen Einfamilienhaus, in das er auch ein Theorielokal integriert hatte. Über Jahre hinweg drängten sich Flugschüler in diesen Raum, um von Tony zu lernen.
Den Traum der Selbstständigkeit hatte er nie begraben: 1996 gründete er erneut eine Einzelfirma und zog mit seiner Flugschule nach Grenchen, wo ihm erst die Gribair AG und wenige Jahre später der Verwaltungsrat der Regionalflugplatz Jura-Grenchen AG die Erlaubnis zum Führen einer eigenen Flugschule erteilte. Es war die Geburtsstunde der «flugschule birrer». In Grenchen betrieb er seinen Einmannbetrieb über zwei Jahrzehnte. Seine Flotte umfasste eine Cessna C-152 (HB-CHA), zwei Cessna C-172 (HB-CGB, HB-CGU) sowie eine Rockwell AC-114 (HB-NCS) – sein erklärtes Lieblingsflugzeug. Die schwarz-weiss-rote Bemalung seiner Flotte entwarf er selbst: Weiss sieht man im Sommer gut, Schwarz im Winter, und das Rot steht für seine Liebe zur Fliegerei. Insgesamt flog er im Laufe seiner Karriere 120 verschiedene Flugzeugmodelle.
Sein «Büro für unterwegs» – eine Umhängetasche mit Papieragenda, Kugelschreiber und Visitenkarten – war sein Markenzeichen, im Cockpit wie am Boden. Ehemalige Schüler erinnern sich an seine ruhige, besonnene Art, an seine schier unendliche Geduld und an seine eingängigen Merksätze.
Neben der Fluglehrertätigkeit war Tony Birrer insgesamt 17 Jahre lang – von 1986 bis 1991 und von 2000 bis 2011 – als Prüfungsexperte in der ganzen Schweiz für das BAZL tätig.
Im Frühling 2020, beim 82. Medical Check, konnte sein Ausweis nicht mehr verlängert werden. Mit 78 Jahren musste sich Tony von seinen Flugzeugen trennen und die Flugschule schliessen. Am Ende standen 34'847 Flugstunden, 106'542 Landungen, über 3'050 betreute Pilotinnen und Piloten, 550 selbst ausgebildete Privatpilotinnen und Piloten, 1'350 Prüfungsabnahmen und 18 ausgebildete Fluglehreraspiranten in seinen Büchern – alles unfall- und zwischenfallfrei.
Die letzten Jahre verbrachte Tony wieder in Beromünster, dem Ort, der über drei Jahrzehnte sein Lebensmittelpunkt gewesen war. Zuerst wohnte er in einer Wohnung im Flecken, die letzten drei Jahre im Alters- und Pflegeheim.
Zufrieden und mit Stolz über das Erreichte ist Tony Birrer am 18. Mai 2026 von uns gegangen. Er hinterlässt seine beiden Kinder Cornelia und David – und eine ganze Generation von Pilotinnen und Piloten, für die er weit mehr war als ein Lehrer. Er war derjenige, der ihnen mit Ruhe, Geduld und einem Lächeln die Flügel gab. Auf die Frage, ob er diesen Weg nochmals gehen würde, hatte er stets mit einem Schmunzeln geantwortet:
«Ich habe nie an etwas anderes gedacht als zu fliegen. Ich gehöre einfach in die Luft.»

